Geschichtlich betrachtet kam politische Veränderung durch Krieg, Revolutionen, dem Zusammenbruch von Staaten oder Seuchen. Für die betroffene Bevölkerung war das stets sehr unangenehm und oft reichlich tödlich. Unsere Generation sollte die erste sein, die Konflikte friedlich löst, und eigentlich haben wir die besten Voraussetzungen in einer Demokratie dazu. Was das Regierungsmodell der Demokratie so gut macht, ist die Pluralität der Meinungen. Wir wählen Repräsentanten, mit denen wir halbwegs übereinstimmen, was das gute Leben ausmacht und wie wir dahin gelangen. Die Abgeordneten haben dann vier Jahre die Möglichkeit, die Reformen durchzuführen, die ihres Erachtens eine positive Veränderung für die Bevölkerung darstellen. Dann ziehen wir Bilanz und wählen neu, was wir uns wünschen. So die Theorie.

In der Praxis ist das komplizierter. AnhängerInnen der SPD wurden von der Agenda 2010 enttäuscht: Sie hat zwar das deutsche Sozialsystem verschlankt und viel Geld gespart, aber hat sie das Leben von klassischen SPD-WählerInnen verbessert? Wahrscheinlich nicht. Der SPD-Parteiführung fällt es trotzdem noch schwer, einzugestehen, dass sie ein Fehler war. Ähnlich denken wohl viele CDU-AnhängerInnen über die Flüchtlingskrise: Sie hat zwar das Leben vieler Menschen in Not verbessert, aber hat sie mein Leben verbessert? Der Ökonom würde sagen: Das war wohl nur eine Pareto-Verbesserung (die meist nicht neidfrei bleibt). Mit der Design Thinking Methode wollen wir die Herausforderung angehen, unterschiedliche Interessen unter einen Hut zu bringen und neue Perspektiven auf Problemstellungen zu ermöglichen: Design Thinking als Kompromiss-Beschleuniger. Als Möglichkeit, bessere Politik zu machen.

Design Thinking eignet sich für demokratische Prozesse so gut, weil die Methode an sich sehr demokratisch ist: Sie basiert auf interdisziplinären Teams. Mit unterschiedlichen ExpertInnen an einem Tisch habe ich unterschiedliche Sichtweisen, unterschiedliche Meinungen und ein Checks-and-Balances-System schon einmal vorgegeben.

Das gleiche trifft auf den Design Thinking Prozess zu: Zu Beginn geht es um das Verstehen: Die TeilnehmerInnen bringen ihr Verständnis der Problemstellung zum Ausdruck, geben unterschiedliche Lösungsansätze in das Team rein und recherieren den Stand der Forschung. Dann kommt es zum Beobachten: Das Team findet heraus, wie Stakeholder das Problem wahrnehmen. Sie machen das durch Interviews oder dadurch, dass sie sich selbst in die Lage versetzen: Wie lebt es sich eigentlich mit HartzIV? Was sind die Probleme von MigrantInnen oder von BewohnerInnen des Erzgebirges?

Das Team hat an diesem Punkt viele Daten und mit diesen wird gearbeitet: Durch verschiedene Brainstorming-Methoden, kann Wissen neu angeordnet werden. Dabei achten wir auf Quantität um die besten statistischen Ausreißer zu finden, denn dort schlummert die Innovation. Wichtig ist es, als Team unvoreingenommen zu sein und auf den Ideen anderer aufzubauen: Die Idee “Weltrevolution” würden viele wohl als ideologischen Schwachsinn abtun, aber welche Ideen kommen denn, wenn wir nachfragen, was persönlich die Welt von Kurt, 62 aus Freital revolutionieren würde? Design Thinking heißt, sich auf Individuen einzulassen und von ihren Geschichten und Emotionen zu lernen.

Wenn wir es schaffen, politische Probleme wieder auf den Nutzer zu fokussieren, dann haben wir auch wieder die Chance, für sie die Welt zu verändern. Dann werden RassistInnen oder PopulistInnen mit einfachen Antworten überflüssig. In der Synthese des Design Thinking Prozesses machen wir uns darüber Gedanken: Welche Ideen sind wie schwer umzusetzen? Was braucht es dazu? Wie schnell schaffen wir Veränderung? Es bringt nichts, sich zu lange mit der theoretischen Frage auseinanderzusetzen, ob etwas funktioniert: Mit Design Thinking probieren wir es einfach aus. Probieren geht über studieren. #AusnahmenbestätigendieRegel

Die Testing und Prototyping Phase ist essentiell für die Methodik und Innovation im allgemeinen. Die Debatte und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Ideen ist unglaublich wertvoll, aber wenn wir die Theorie nicht austesten, können wir nicht wissen, wie wir in der Zukunft leben wollen. Die Geschichte bietet schon allerlei Beispiele: Nationalsozialismus? Riesige Katastrophe! Unzureichende Umverteilung? Führt langfristig zu Problemen. Legalisierung von Drogen? Die Niederlande hat viel Erfahrung gesammelt. Bedingungsloses Grundeinkommen? Finnland oder Initiativen wie MeinGrundeinkommen probieren es im Kleinen aus. Das können wir mit Redesign Democracy auch machen und wollen es im größeren Rahmen forcieren.

Und wenn es nicht klappt? Dann wird halt nachgebessert! PolitikerInnen sind PerfektionistInnen. Machen sie Fehler, bekommen sie einen Shitstorm, verlieren ihren Posten und werden niedergemacht. Das persönlich zu erleben, ist echt unangenehm. Wir wollen eine politische Fehlerkultur möglich machen. Wenn wir politische Experimente klar kommunizieren und klar machen, dass wir auch wieder einen Schritt zurückgehen können, profitieren sowohl PolitikerInnen als auch unsere Gesellschaft.

Das hört sich alles nach utopistischen linksgrün-versifften Hippiegeschichten an? Mumpitz. Innovation ist unangenehm, es kann bekloppt und verschroben wirken. Es ist eben neu. Und nicht nur linke Ideen lassen sich neu denken und verkaufen. Das gleiche gilt für konservative, liberale oder EU-skeptische Weltanschauungen. Was alle neuen Ideen aber brauchen sind die Menschen, die sie umsetzen, anpacken und mitmachen. Wenn wir unsere Zukunft nicht neu denken, dann macht es jemand anderes und das kann schnell mieser laufen, als uns lieb ist. #Bundestagswahlen2017 Bring dich ein und redesign unsere Demokratie. Je unterschiedlicher die Menschen, desto besser werden die Ideen.

Über den Autor

Arvid Schwerin ist selbstständiger Politikberater und Design Thinking Coach. Er ist Co-Organisator für das Redesign Democracy Format. Frag ihn, wie Politiker sich gut im Internet darstellen sollten, wie Start-Ups Geld und gutes Leben kombinieren können und wie man Königsberger Klopse kocht.

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