Wie können junge Menschen nach dem Schulabschluss ihren Platz in der Gesellschaft finden? Das fragte sich „Team 1“ beim Berliner Redesign-Democracy-Workshop im November 2017. Herausgekommen ist eine einjährige „Erfahrungs-Reise“, die viel mehr ist als nur Ferien.

Zwei Jahre ist es her, dass ein Statement einer Abiturientin auf Twitter für sehr viel Aufsehen sorgte: „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen“, twitterte eine Jugendliche mit dem Twitter-Namen Naina. Damals erhielt sie viel Zuspruch von Altersgenossen, die alle eines gemeinsam hatten: Trotz langer Schulausbildung fühlten sie sich nicht genug vorbereitet – auf die Ausbildung, auf das Studium, schlichtweg auf das Leben nach der Schule.

Muss das so sein? Das fragte sich „Team 1“ unseres Redesign Democracy-Events vom November. Man kann ein Jahr Bundeswehr machen nach dem Schulabschluss, ein FSJ oder ein Kulturelles Jahr oder oder oder. Aber warum nicht einfach mal ein Jahr lang herumschnuppern, was es so gibt auf der Welt? „Ein Jahr Erfahrungsreise“ heißt genau dieses Konzept, und es ermöglicht allen jungen Menschen, ein Jahr lang beliebig viele Erfahrungen in beliebig vielen Berufen zu sammeln. Mal lernen, wie es sich anfühlt, einen Tisch zu bauen? Ein Auto zusammenzuschweißen? Einen DNA-Test zu analyisieren? All das wäre in der „Erfahrungsreise“ kein Problem. Für jede absolvierte Erfahrung gibt es wie bei einer Schnitzeljagd einen Punkt, und ein durchgehender Mentor im Erfahrungsjahr ist Dreh- und Angelpunkt, mit dem junge Leute ihre Erfahrungen reflektieren und dadurch über sich selbst, die eigenen Interessen, Stärken und Schwächen lernen können.

Was das ganze mit Demokratie zu tun hat? Im Design-Thinking-Prozess hat sich das „Team 1“ von Redesign Democracy an den Fragen orientiert, die von Betroffenen in Straßen-Interviews aufgeworfen wurden. Viele junge Menschen taten sich schwer damit, ihren Platz in der Demokratie und der Gesellschaft einzunehmen, weil sie nicht einschätzen konnten, wofür sie gebraucht werden. Diese Fokussierung auf das Bedürfnis einer Zielgruppe ist eine Stärke bei Redesign Democracy. Wir glauben: Wenn wir ein zentrales Bedürfnis einer Zielgruppe identifiziert haben, dann lohnt es, dafür eine Lösung zu entwickeln. In diesem Fall glauben wir: Nur wer seine Stärken und Schwächen wirklich kennt, kann in einer Demokratie auch sein volles Potential einbringen. Und wenn junge Menschen in der „Erfahrungsreise“ unterschiedliche Lebenswirklichkeiten kennenlernen, wächst zudem ihre Empathie und ihr Verständnis für Probleme anderer Gesellschaftsschichten.

Das Konzept von „Team 1“ sieht vor, die „Erfahrungsreise“ durch den Staat finanzieren zu lassen, möglicherweise in einer Kooperation mit den Handwerkskammern, den Ausbildungsbetrieben oder den beteiligten Firmen. Das ist eine langfristige Perspektive. Ein erster Schritt, um die „Erfahrungsreise“ zu testen, wäre beispielsweise, in einem kleinen Rahmen zu beginnen: In einer Kleinstadt, einer Region oder sogar mit den Absolventen von nur einer Schule. In einem kleinflächigen Versuch könnten so über ein oder mehrere Jahre Erfahrungen gesammelt werden. Hilft es den jungen Menschen? Kann auf diese Weise die Quote der Ausbildungs- und Studienabbrecher verringert werden? Falls ja, würde sich die „Erfahrungsreise“ als geeignetes Mittel erweisen, um Jugendlichen ihren Platz in der Gesellschaft aufzuzeigen. Nach einer erfolgreichen Testphase könnten sicher bundesweit Gelder und Förderer aufgetrieben werden, um die „Erfahrungsreise“ als echte Alternative zu Bundeswehr, FSJ und Co aufzustellen.

Ihr findet diese Projektidee super und möchtet mit denen, die sich das ausgedacht haben, in Kontakt treten? Dann kommt in unsere Redesign Democracy Facebook-Gruppe. Dort könnt ihr überlegen, was man aus den tollen Projektideen noch so machen kann. Denn es ist ja wohl klar: Nach dem Workshop ist mitten drin im Engagement!

Über den Autor

Michael Metzger ist Design-Thinking-Coach, Journalist und Kommunikationsberater. Er ist Vorstandsmitglied des gemeinnützigen Vereins D.Collective e.V.